Das Nachtfalter-Projekt verbindet umfangreiche historische Aufzeichnungen mit einer zweijährigen systematischen Erhebung (2019–2020) in 25 über das Land verteilten Untersuchungsgebieten. In diesen zwei Jahren wurden aktuelle Nachtfalterdaten gezielt erhoben und durch weitere Nachweise aus der Zeit ab 2001 ergänzt.
Erst der Vergleich dieser aktuellen Daten mit den historischen Aufzeichnungen aus der Zeit bis zum Jahr 2000 macht sichtbar, wie tiefgreifend sich die Zusammensetzung der Arten in den letzten Jahrzehnten verändert hat.
Kurzfassung für eilige Leserinnen und Leser:
Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden häufig mit der Krefeld-Studie verglichen. Dabei entstehen leicht Missverständnisse, weil unterschiedliche Kennzahlen nebeneinandergestellt werden. Die Krefeld-Studie benennt einen Rückgang von rund 70 Prozent, während in dieser Untersuchung andere Prozentwerte erscheinen.
Die Krefeld-Studie zeigte einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um rund 70 Prozent – also des Gesamtgewichts aller Individuen. Ein solcher Rückgang geht dem Artensterben voraus: Zuerst schrumpfen Populationen, später verschwinden Arten.
An diesem Punkt setzt das Nachtfalter-Monitoring an: Es zeigt, welche Arten verschwinden, welche bleiben – und wie sich die Zusammensetzung der Artengemeinschaften verändert hat.
Die Befunde beider Untersuchungen ergänzen sich und bestätigen gemeinsam das Ausmaß des Insektensterbens.
Die folgenden Kacheln fassen die zentralen Befunde zusammen und führen jeweils zu einer vertiefenden Einordnung:
Die Zahl der Nachtfalter-Individuen ist in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen.
Die Artenvielfalt in vielen Lebensraumtypen hat stellenweise drastisch abgenommen, wie dieses Beispiel aus Rottenburg a. Neckar für Magerrasen und offene Felsbereiche zeigt:
Der Rückgang der Artenvielfalt wurde für jedes der 25 Untersuchungsgebiete einzeln ermittelt. Fasst man die Daten aller Gebiete zusammen, lassen sich folgende durchschnittliche Entwicklungen in Baden-Württemberg feststellen:
392
Arten
279
Arten
- 29 %
113
Arten
65
17 % neu
71 % bestätigt
29 % verschollen
Durchschnittliche Verluste und neu aufgetretene Arten auf allen 25 Untersuchungsflächen
Zur Einordnung:
Die genannten Werte sind Durchschnittswerte, die die Dimension des Wandels verdeutlichen. Welche Arten im Einzelnen verschwinden, unterscheidet sich von Gebiet zu Gebiet.
Gemeinsam ist allen Untersuchungsflächen jedoch das Muster:
Spezialisierte Arten gehen zurück – wärmeliebende, anspruchslose Arten nehmen zu.
Nachtfalter der Roten Listesind Arten, deren Bestände als rückläufig oder bedroht eingestuft werden. Sie reagieren besonders sensibel auf Veränderungen ihrer Lebensräume und stehen daher im Fokus des Naturschutzes.
Viele dieser Arten kommen heute fast ausschließlich in Schutzgebieten vor.
Der Vergleich mit den historischen Daten zeigt: Von den Nachtfalterarten, die im Altzeitraum bereits als gefährdet galten, ist heute im Mittel nur noch etwa jede zweite in den Untersuchungsgebieten nachweisbar.
61
Arten
32
Arten
- 48 %
29
Arten
19
31 % neu
52 % bestätigt
48 % verschollen
Im Durchschnitt ging rund die Hälfte der ehemals nachgewiesenen Rote Liste-Arten in den 25 Untersuchungsgebieten verloren.
Damit verzeichnen jene Arten die stärksten Rückgänge, deren Bestände schon vor Jahrzehnten als kritisch und besonders schutzbedürftig eingestuft wurden.
Diese Rückgänge treten in naturschutzfachlich hochwertigen Schutzgebieten auf – also in den letzten verbliebenen Rückzugsräumen dieser Arten!
Die Ursache liegt nicht in einzelnen Schutzgebieten und ihren Schutzmaßnahmen. Vielmehr wirken äußere Belastungen auf die meist zu kleinen und isolierten Flächen:
Pestizid- und Stickstoff-Einträge durch Nutzungsintensivierung im Umfeld und klimatische Veränderungen.
Grundlage dieser Auswertung ist die Rote Liste der Nachtfalter Baden-Württembergs aus dem Jahr 2005. In der inzwischen aktualisierten Fassung (2025) mussten viele Arten hochgestuft werden.
Die Gefährdung von Tier- und Pflanzenarten wird durch die Einstufung in Rote-Liste-Kategorien wiedergegeben. Dabei bedeuten (nach der Roten Liste gefährdeter Pflanzen Deutschlands des Bundesamtes für Naturschutz 1996):
| Kategorie | Bedeutung |
|---|---|
| 0 | ausgestorben oder verschollen |
| 1 | vom Aussterben bedroht |
| 2 | stark gefährdet |
| 3 | gefährdet |
| R | extrem seltene Art oder Art mit geographischer Restriktion |
| V | Vorwarnliste |
| * | ungefährdet |
Rote Liste der Schmetterlinge Baden-Württembergs (2005):
Rote Liste der Schmetterlinge Baden-Württembergs (2025):
Steiner, A. & Trusch, R. unter Mitarbeit von
T. Bamann, D. Bartsch, S. Hafner, G. Hermann, A. Hofmann, O. Karbiener, J.-U. Meineke, R. Mörtter,
E. Rennwald, R. Schick
Über alle untersuchten Gebiete hinweg zeigt sich ein deutlicher Trend:
Mehr als die Hälfte der Nachtfalterarten ist rückläufig (also in weniger Untersuchungsflächen nachgewiesen als vor der Jahrtausendwende), während nur ein Viertel der Arten sich ausbreiten konnte.
Besonders auffällig ist, dass viele der heute rückläufigen Arten 2005 noch nicht als gefährdet galten. Der Gefährdungsstatus zahlreicher Arten hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte deutlich verschärft, was in der neuen Roten Liste von 2025 zum Ausdruck kommt.

In den Untersuchungsgebieten wurden nach der Jahrtausendwende auch neue Nachtfalterarten nachgewiesen. Diese Neuzugänge gleichen die Verluste jedoch ökologisch nicht aus:
Verloren gehen vor allem spezialisierte Arten von Offenland-Biotopen – z. B. von Magerrasen, extensiv genutztem Grünland oder Mooren. Diese Arten verfügen über genetische Anpassungen an sehr spezifische Standortbedingungen und sind oft an lokale Gegebenheiten seit Jahrtausenden angepasst.
Die neu hinzukommenden Arten sind dagegen überwiegend anspruchslos und oft wärmeliebend. Sie profitieren von steigenden Temperaturen und kommen in allgemein verbreiteten Lebensräumen vor (z. B. Gebüsche, nährstoffreiche Wiesen und Weiden).
Ihre Zunahme kann den Eindruck ökologischer Stabilität erzeugen, verdeckt aber den fortschreitenden Verlust hochwertiger Offenland-Biotope mit ihren spezialisierten Arten.
Das Kleine Eichenkarmin ist ein Beispiel für eine Art, die von steigenden Temperaturen profitiert. Ihre Ausbreitung ist klimabedingt – nicht Anzeichen für eine ökologische Erholung.
Das wärmeliebende Kleine Eichenkarmin ist ein sogenannter „Klimawandel-Gewinner“.
Die Art gilt als typischer Indikator klimabedingter Veränderungen. Stellvertretend für viele weitere Arten steht ihre Ausbreitung für einen grundlegenden Wandel der Artenzusammensetzung – nicht für eine ökologische Erholung.
Die mediterrane Art lebt in wärmebegünstigten Waldrändern und Gebüschen und konnte sich seit der Jahrtausendwende von 5 auf 10 Quadranten ausbreiten:
In allen 25 Quadranten wurde für jede Art erfasst, in welchen Lebensraumtypen (Habitaten) sie im historischen Zeitraum vorkam – und ob sie nach der Jahrtausendwende dort noch nachgewiesen werden konnte.
Maßgeblich ist dabei der sogenannte Gebiets-Nachweis: Er zeigt, ob eine Art in einem bestimmten Habitat eines Gebietes überhaupt noch vorkommt – unabhängig von der Anzahl der Individuen.
Der Befund ist eindeutig:
Die durchschnittlichen Gebiets-Nachweise der Nachtfalterarten sind in allen untersuchten Lebensraumtypen zurückgegangen.
Besonders stark betroffen sind Offenland-Biotoptypen, darunter
• Feuchtgrünland,
• Magerrasen, Fels- und Heidebiotope sowie
• extensiv genutzte Wiesen und Weiden.
Aber auch in strukturreichen Lebensräumen wie beerstrauchreichen Nadelwäldern sowie feuchten Gebüschen und Säumen konnten viele Arten nach der Jahrtausendwende deutlich seltener bestätigt werden.
Das bedeutet: Selbst dort, wo die Lebensräume äußerlich noch vorhanden sind, verlieren sie zunehmend ihre charakteristischen Arten.
Die folgende Abbildung zeigt, wie stark die Gebiets-Nachweise in den verschiedenen Lebensraumtypen im Durchschnitt zurückgegangen sind.
Rückgang der Gebiets-Nachweise von Nachtfaltern in unterschiedlichen Lebensraumtypen in Baden-Württemberg

Ehemals weit verbreitete Art von Magerrasen, Felsfluren und Heidemooren. Die Raupen fressen an Felsflechten und Moosen.

Ehemals weit verbreitete Feuchtgebiets-Art. Die Raupen fressen an Feuchtgebiets-Pflanzen (z. B. Rohrkolben, Schilf, Seggen, Schwertlilie)

Baden-Württemberg liegt im Übergangsbereich zwischen kontinentalen, atlantischen und mediterranen Klimaeinflüssen. Entsprechend kommen hier Nachtfalterarten mit sehr unterschiedlichen Arealen vor, also mit unterschiedlich geprägten klimatischen Herkunftsgebieten.
Von den rund 950 Nachtfalter-Arten des Landes sind rund 19 % mediterran getönt. Kontinental getönte Arten bilden mit rund 73 % den Hauptanteil unserer heimischen Nachtfalter.
Im Durchschnitt haben auf den 25 Quadranten die mediterranen Arten um 7 % zugenommen - obwohl es einen generellen Verlust von minus 12 % an Arten gibt. Die kontinental getönten Arten haben hingegen überdurchschnittlich stark, nämlich um 15 % abgenommen.
Diese kontinentale Art kann als „Klimawandel-Verlierer“ gelten. Als alleinige Erklärung für die Rückgänge reichen die klimatischen Veränderungen aber nicht aus (wie überhaupt bei Rückgängen meist eine Kombination an negativen Einflüssen vorliegt). Auch Habitat-Beeinträchtigungen spielen eine wichtige Rolle.

Neben der Verschiebung der Areale zeigen die Daten auch Veränderungen entlang der Höhenstufen.

Die Höhenstufen in Baden-Württemberg reichen von 80 m am Rhein bis auf knapp 1.500 m auf dem Feldberg im Hochschwarzwald.
Die Höhenverbreitung der Nachtfalter ist entsprechend ihrer Habitatansprüche teilweise sehr spezifisch. Da sie für jede Art durch das umfassende Grundlagenwerk "Die Schmetterline Baden-Württembergs" bereits detailliert dokumentiert war, konnten Veränderungen entlang der Höhenstufen systematisch ausgewertet werden.
Die Grafik zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Höhenstufen: Nachtfalterarten, die bereits vor der Jahrtausendwende ihren Schwerpunkt im montanen und hochmontanen Bereich hatten, sind überdurchschnittlich stark zurückgegangen. Arten der tieferen, planaren Lagen sind dagegen im Vergleich zum landesweiten Durchschnitt weniger stark rückläufig.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Lebensräume in den Tieflagen in einem guten Zustand wären – dort ist die Nutzungsintensität meist besonders hoch. Einige Arten konnten aber teilweise ausweichen, indem sie infolge der Klimaerwärmung auch höhere Lagen besiedelten.
Für Arten der höheren Lagen gilt dies nicht: Sie sind an kühlere Bedingungen gebunden und haben kaum weitere Ausweichmöglichkeiten.
Die Raupen der Mondfleckglucke entwickeln sich an Fichte und anderen Koniferen. Aktuell verzeichnet diese kontinentale Art, die an kühlfeuchte Lebensräume gebunden ist, starke Rückgänge und zieht sich in montane Lagen und Moore Oberschwabens zurück.

Ein Quadrant ist das Viertel eines Messtischblattes der Topographischen Karte im Maßstab 1:25.000 (TK25).
Fläche: ca. 6 km X 6 km
Was diese Veränderungen antreibt, wird auf der Seite „Ursachen“ eingeordnet.
Zu den UrsachenEin Quadrant ist das Viertel eines Messtischblattes der Topographischen Karte im Maßstab 1:25.000 (TK25).
Fläche: ca. 6 km X 6 km
Das von Günter Ebert herausgegebene umfangreiche Grundlagenwerk umfasst 10 Bände und behandelt nahezu alle Schmetterlingsarten Baden-Württembergs.